März 25, 2026
Regulatorik
Wenn Daten zur zweiten Zulassung werden
Zulassung war in der Medizintechnik lange der maßgebliche Bewertungszeitpunkt für ein Produkt.
Teil 3 der Serie „Die neuen Spielregeln der Medtech-Industrie“ von Sandra Heeg, Chefredakteurin, MedTech Media Europe.
Klinische Daten wurden erhoben, die Leistung nachgewiesen, Risiken bewertet – und auf dieser Basis erfolgte die Zertifizierung. Post-Market-Aktivitäten waren Teil des regulatorischen Rahmens, spielten in der Praxis jedoch häufig eine nachgelagerte Rolle.
Dieses Verhältnis verschiebt sich derzeit.
Nicht, weil Post-Market-Daten neu wären – sondern weil sie erstmals systematisch und regulatorisch verankert in Entscheidungen über bestehende Produkte einfließen.
Was sich tatsächlich verändert hat
Unter der MDR wurden bestehende Anforderungen nicht grundsätzlich neu eingeführt, aber deutlich konkretisiert und durchgesetzt:
- Post-Market Surveillance (Annex III) wird strukturiert und überprüfbar
- Post-Market Clinical Follow-up (Annex XIV) wird explizit gefordert
- PSUR wird für viele Produkte verpflichtend
- klinische Bewertung (CER) muss kontinuierlich aktualisiert werden
Diese Elemente führen dazu, dass die tatsächliche Performance eines Produkts im Feld aktiv bewertet und in regulatorische Entscheidungen zurückgespiegelt wird.
Der neue Mechanismus: Daten werden entscheidungsrelevant
Früher dienten Post-Market-Daten primär der Überwachung. Heute beeinflussen sie konkrete Entscheidungen:
- Anpassung der klinischen Bewertung
- Einschränkung der Zweckbestimmung
- zusätzliche klinische Anforderungen
- Priorisierung im Produktportfolio
Wichtig ist: Diese Prozesse führen nicht automatisch zu Re-Zertifizierungen, können jedoch unter bestimmten Bedingungen regulatorische und strategische Maßnahmen auslösen.
Wann Produkte tatsächlich in den Fokus geraten
Relevanz entsteht insbesondere dann, wenn Daten zeigen:
- klinisch signifikante Abweichungen von erwarteter Performance
- Unterschiede zwischen Patientengruppen
- Nutzung außerhalb der ursprünglich definierten Anwendung
- neue oder unterschätzte Risiken
- Veränderungen im Benefit-Risk-Verhältnis
In solchen Fällen sind Hersteller verpflichtet, entsprechende Bewertungen vorzunehmen und Maßnahmen abzuleiten.
Konkrete Beispiele aus der Praxis
Imaging-AI (Radiologie): Unterschiede in Sensitivität je nach Patientengruppe oder Gerät können Anpassungen der klinischen Bewertung erforderlich machen.
Clinical Decision Support: Abweichungen zwischen prognostizierten und tatsächlichen Ergebnissen führen zu Anpassungen von Performance-Angaben und Evidenz.
Vernetzte Monitoring-Systeme: Neue Nutzungsmuster und Risiken erfordern Anpassungen im Risikomanagement und in PMS-Prozessen.
Die eigentliche Neuerung: Entscheidungen verschieben sich
Bewertung endet nicht mehr mit der Zulassung – sie wird Teil des laufenden Produktmanagements.
Daten werden systematisch erhoben, regulatorisch überprüft und in konkrete Entscheidungen über bestehende Produkte einbezogen.
Konsequenz: Produkte werden aktiv gesteuert
- Klinische Bewertung wird kontinuierlich aktualisiert
- Produkte bleiben regulatorisch „offen“
- Portfolioentscheidungen werden datenbasiert
Rolle der Benannten Stelle
Die Benannte Stelle wird im Rahmen von Surveillance Audits, Re-Zertifizierungen oder relevanten Änderungen eingebunden. Die Verantwortung für Datenerhebung und Bewertung liegt beim Hersteller.
Fazit
Nicht mehr nur die Zulassungsstudie entscheidet über ein Produkt – sondern zunehmend seine tatsächliche Performance im Feld.
Damit entsteht ein datengetriebener Produktlebenszyklus, in dem bestehende Produkte unter definierten Bedingungen erneut in den Fokus geraten.
Autor: Sandra Heeg
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